das almkeprojekt

Bis zu meinem 32. Lebensjahr (1985) habe ich in Almke bei Wolfsburg gelebt, von dort aus eine Tischler,- und Landwirtschaftslehre absolviert, Sozialpädagogik studiert, auf dem Hof meiner Eltern gearbeitet und diesen für einige Jahre mit einer Betriebsgemeinschaft selbstständig bewirtschaftet. Dahinter stand die Idee, ökologische Landwirtschaft und Sozialarbeit auf einem 45ha landwirtschaftlichem Betrieb miteinander in Verbindung zu bringen, und so dem Betrieb eine neue wirtschaftliche Zukunft zu eröffnen, die meinen Neigungen entgegen kam. Das Vorhaben wurde von großen familiären Spannungen begleitet, die damals nicht gelöst werden konnten. 1985 hat mein Bruder den Hof übernommen, ich bin nach München ans Theater gegangen.

Almke und der Hof haben mein Leben wesentlich geprägt.

Immer habe ich mich für Menschen, ihre Biografien, Geschichten, Erzählungen und Erinnerungen interessiert, hatte seit 30 Jahren auch vieles davon notiert. Das von mir so benannte almkeprojekt hat mich von 2009 bis 2012 beschäftigt, im Dezember 2012 erschien schließlich das Buch ALMKE, Geschichte eines Dorfes im Hasenwinkel. Zur Entstehung des Buches und zur Historie von das almkeprojekt ist darin ein Gespräch zwischen mir und dem Co – Autor Eberhard Frey abgedruckt:


Das Almkebuch


Steine & Meilensteine


Ein Gespräch zwischen Christian Bormann
und Eberhard Frey, November 2011

C Eberhard, ich habe versucht, etwas über die Entstehung von das almkeprojekt zusammenzustellen, die Chronologie, woraus die Idee entsprang usw., jetzt wo nach fast drei Jahren diese Almker Chronik doch ihrer Fertigstellung entgegengeht – es ist mir nicht gelungen. Also: Wie begann ES?

E Am 13. Januar 2009 hast du dein almkeprojekt im Ortsrat Almke – Neindorf vorgestellt. Du warst nicht der erste Tagesordungspunkt, vorher ging es noch um Straßenbeleuchtungssachen und Feldwege, aber dann warst du dran –

C Achim Sievers war damals Bürgermeister, und wir hatten vorher kurz uns darüber unterhalten. Er war ja von Anfang an ein großer Unterstützer, über ihn lief auch der erste Kontakt zum Stadtarchiv Wolfsburg. Achim meinte dann: Krischan, ich glaube, es ist gut, wenn du über dein Projekt im Ortsrat sprichst, den Ortsrat müssen wir hinter uns haben.

E Du sagtest in dieser Sitzung, ich notiere mir ja immer alles, daß du Interviews machen möchtest mit Almker Einwohnern, dabei eine Art Querschnitt dir vorstellst durch die Almker Bevölkerung, vom Alter, von den Berufen, auch von ihrer Herkunft her, also unterschiedlichste Biografien aufzeichnen möchtest. Es ging dir außerdem um Sammlung von Dokumenten, Aufzeichnungen, Briefen, Fotos – die Themen waren erstmal unbegrenzt. Die Interviews sollten gefilmt werden und aus diesem Material sollte ua. eine Dokumentation, ein Buch, vielleicht auch sogar ein Dokumentarfilm von ca. 90 Minuten entstehen. Achim Sievers stellte sich aber unbedingt eine “richtige Dorfchronik” + nicht lediglich eine Interviewsammlung vor. Du sprachst dann von Dorfspaziergängen und Veranstaltungen, auf denen Materialien und Erkenntnisse vorgestellt werden sollten. Auch war dein Wunsch, in all das möglichst viele Almkerinnen und Almker mit einzubeziehen. Der Ortsrat war beeindruckt und stellte 800 Euro für die Beschaffung einer Videokamera zur Verfügung. Außerdem sollte das Wolfsburger Stadtarchiv angesprochen und mit in die Arbeit eingebunden werden.

C Ich hatte denen bereits mein Konzept zukommen lassen, Frau Schneider – Bönninger und Herrn Strauß, die fanden das interessant und unterstützenswert und haben dann auch für finanzielle Unterstützung gesorgt. Die Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv, später auch die Unterstützung durchs Kulturamt und Herrn Muth, lief immer sehr gut. Wir hatten außerdem von Anfang an eine gute Presse, über die Ortsratssitzung wurde berichtet und aufeinmal war das almkeprojekt in vieler Munde.

E Eine Almker Chronik war ja immer mal wieder im Gespräch, auch, weil die Stadt den 40. Jahrestag der Gebietsreform, der Eingemeindung der Wolfsburger Dörfer “feiern” wollte. Für Neindorf hatte ich diese Arbeit übernommen und habe immer mal wieder nachgefragt, ob es in Almke jemanden gäbe dafür. Da war Erika Groß, die seit Jahren in Almke Material gesammelt hatte und Aufzeichnungen gemacht hatte über eigene Erinnerungen oder die von alten Almkern. Frau Groß wurde dann schwer krank und konnte diese Arbeit nicht fortsetzen, sie hatte aber einen guten Anfang gemacht. In dieser Situation tratest du dann mit deiner Idee auf den Bürgermeister zu, ich war da erstmal noch in ner Warteposition.

C Da trafen sich wohl Achims und meine Interessen und auch die vieler Almker.

E Ich denke auch, daß du mit dem almkeprojekt deine bäuerliche Vergangenheit aufarbeiten willst und ein Resumée ziehen möchtest über deine Almker Zeit, immerhin doch die Hälfte deines Lebens. Du hast ja eine ausgeprägte Fähigkeit zum Menschenbegegner … doch, doch … und kannst Leute zu Inhalten und Erinnerungen führen, von denen manche garnicht vermutet haben, daß sie sie hätten. Oder noch hätten. Es wird heute auch auf den Dörfern weniger gesprochen miteinander, weil sich das Miteinander ja auch hier gewandelt hat, z. B. fehlt das gemeinsame Arbeiten. Da wird von den Alten nicht mehr soviel weitergegeben ans Gedächtnis der Jungen, das ist auch eine heutige Situation.

C Meine Idee beim almkeprojekt ist, daß ich anhand der Geschichten und Erinnerungen des Einzelnen auch die Geschichte des Dorfes erzähle von 1870 bis in unsere Zeit. Das ist zunächst einmal der Zeitraum der mich interessiert. Auch wie die sogenannten “großen Ereignisse” in diesen 150 Jahren das Leben des Einzelnen bestimmen und verändern: die Zusammenlegung der Gemeindeflächen um 1850, die Kaiserzeit, der erste Weltkrieg, Weimar, die Nazizeit. Dann der zweite Weltkrieg, Flucht, Vertreibung, Gefangenschaft, Besatzung, wie wurden die Flüchtlinge aufgenommen usw. An all diese Ereignisse gibt es vielfach noch persönliche oder weitergegebene Berichte und Erinnerungen, die wollte ich sammeln und aufzeichnen. Der von dir dann zusammengetragene und recherierte heimatkundlich – wissenschaftliche Teil hat mich zunächst nicht so interessiert, den hätte ich mir auch nicht zugetraut.

E Als du dein Projekt 2009 im Ortsrat vorgestellt hast, war ich ja lediglich als Zuhörer da. Achim Sievers wußte aber, daß ich das eine oder andere zu deiner Arbeit beisteuern könnte und so sind wir beide dann zusammengekommen du und ich.

C Tatatataaa … Das erste Interview führte ich Anfang 2009 mit Walter Widdecke, dem es damals gesundheitlich schon nicht mehr so gut ging – über die Geschichte der Familien Körtje und Widdecke, die über 150 Jahre die Almker Gastwirtschaft mit Poststelle und Landwirtschaft in Betrieb hatten. Walter starb noch im selben Jahr, dieses Gespräch ist ein sehr berührendes Dokument. Dann kamen meine Mutter und Kurt Voges an die Reihe, ich habe mich erstmal an Vertrauten versucht, brauchte auch etwas Zeit, bis ich mit der Technik der Kamera vertraut war. Dennoch ist mir mal das Mißgeschickt passiert, daß ich bei 5 Interviews vergessen hatte, das Mikro anzuschalten, daß ich dann diese Gespräche wiederholen mußte, und einige dann nicht mehr bereit waren dazu. Anfang Juni 2009 haben wir dann der Almker Öffentlichkeit in einer ersten Veranstaltung auf dem Saal das almkeprojekt vorgestellt: “Das Leben ist eine Baustelle”. Wir hatten Handzettel verteilen lassen, in die neue Siedlung war ich persönlich in die einzelnen Häuser gegangen und hatte in die Almker Gastwirtschaft eingeladen. Auch hatten die beiden Wolfsburger Zeitungen ausführlich auf uns hingewiesen. Wir waren beide glaubich sehr überrascht und froh, als tatsächlich 120 Leute kamen, auch sehr viele Jüngere dabei. Wir hatten auf dem Saal ein richtiges Spektakel vorbereitet mit Fotowänden, historischen Super– 8– Filmen und mit der Vorführung von alten Radios, Spieluhren und Plattenspielern. Es gab Kaffee und Zuckerkuchen, viel zu sehen und zu hören, auch haben ein paar Almker historische Briefe vorgelesen, ich war sehr aufgeregt. Das muß den Leuten aber gerade gut gefallen haben, daß alles n bißchen chaotisch ablief – wir erlebten eine sehr positive Resonanz, auch von der Presse. Es folgte dann im September 2009 bereits eine 2. Veranstaltung, der Spaziergang “Almke liegt an viele kleine Teiche” . Im Dorf waren an entsprechenden Stellen und Gebäuden Fotos und Dokumente ausgehängt, der Gesangverein wirkte mit, als aus der Schulchronik über die Jahrhundertfeier der Befreiungskriege 1913 zitiert wurde und sang dazu Heil dir im Siegerkranz. Das haben die einfach gemacht. Erika Groß sprach als nunmehr 70jährige noch einmal das Gedicht, welches sie 1952 zur Einweihung des Kriegerdenkmals als junges Mädchen aufgesagt hatte. Wir hatten uns immer ein paar Highlights ausgedacht, es hatte auch n bißchen was mit Theater zu tun und Überraschung. Ich glaube, daß die Leute auch darum gekommen sind –

E – um dich in Aktion zu sehen (lacht), jaja.

C – oder weil da aufeinmal an der Straße der alte Schulofen stand, den sie zuletzt vor 50, 60 Jahren gesehen hatten und eine letzte Almker Schulbank. Während all dieser Zeit führte ich die Interviews weiter, es fanden Treffen statt im Stadtarchiv mit nunmehr Frau Placenti – Grau, Herrn Nedelkovski und immer Herrn Strauß, der ein fester Pol war. Alle paar Wochen war ich längere Zeit in Almke, was mir garnicht so leicht fiel: Seit 25 Jahren lebe ich in anderen Zusammenhängen, bin woanders integriert. Viele der dörflichen Veränderungen, die unsichere Zukunft z.B. der kleineren und größeren Höfe, haben mich oft doch sehr bedrückt, auch die Zukunft unseres Hofes, manches persönliche Schicksal im Dorf. Ich bin einerseits sehr verbunden mit allem, andererseits auch von jeher immer n bißchen auch Außenseiter in Almke gewesen.

E Ein Romantiker …

C Du hast gut reden … Gottseidank hatte ich ja dich und in allem deine Unterstützung. Weitere Veranstaltungen waren: “Der Winter ist vergangen” im März 2010, worin wir uns ua. mit Flucht und Vertreibung, Nachkriegszeit und dem Zusammenleben von Einheimischen und Flüchtlingen befassten, gefolgt wieder von einem Dorfspaziergang “Die Trendel runter und dann links”, wobei es ua. um die Siedlung und die kleinen Leute ging, “lüttje Lüe”.

E Vorsichtig mit dem Ausdruck lüttje Lüe.

C Quatsch, du weißt doch, daß ich diese Unterschiede nicht kenne. Es hat in Almke nie so stark diese Hierarchie des Besitzes gegeben wie in manchen anderen Orten. In der Siedlung hatten wir einige der ersten Siedlerfrauen angesprochen, Gertrud Koska, Friedel Schulz, Bärbel Vogt, Inge Humpert – die hatten sich da auf eine Bank gesetzt und erzählten davon, wie man in Almke ab 1965 endlich bauen durfte, wie sie damals Steine schleppten und erstmal in der Garage wohnten. Die haben doch dann noch Schnaps an die Zuschauer ausgeschenkt und Margot Klages hat gesungen. Im September 2011 hatten wir unsere vorerst letzte Veranstaltung, “Zwischen Himmel und Hölle”, worin es in der Hauptsache um die Almker Schule und Kapelle ging.

E Und um den Skandal um den Lehrer Gödeke, der um 1880 eine Almker Konfirmandin geschwängert hatte, die bei der Geburt zusammen mit ihrem Kind starb, woraufhin Gödeke sich in der Oker in Braunschweig ertränkt hat …Was für mich interessant war, daß die Leute gekommen sind aus mehreren Motiven: Sie wollten zuerst was übers Dorf erfahren, zweitens war da der Christian Bormann, den wollten sie “in action” sehen und schließlich begegnete man sich untereinander. Man merkte, das almkeprojekt war so richtig Dorfgespräch. Da trafen sich Alt und Jung und sprachen miteinander, was auch auf den Dörfern nicht mehr so die Regel ist. Auch, daß wir Leute oft mit einbezogen haben, daß es so persönlich war … das ist sehr reizvoll.

C Ich konnte immer jeden ansprechen, das stimmt, da hat sich keine Tür verschlossen – eine wirkliche Mitarbeit hat sich allerdings nicht ergeben, auch wenn …

E Das finde ich überhaupt nicht – die Leute sind doch da, wenn du sie brauchst und wenn sie was hatten, dann haben sie die Sachen an dich herangetragen oder haben sie mitgebracht auf den Saal. Vielleicht liegt es auch daran, daß unsere Veranstaltungen immer auch einen … Unterhaltungscharakter hatten: Eine Bühne ist nicht jedermanns Sache – meine übrigens auch nicht. Es ist ganz wichtig, daß die Stimmung so bereitwillig ist, daß man ohne Schwierigkeiten arbeiten mag. Das habe ich sogar als Nichtalmker gemerkt, wie alle mir sehr wohlwollend entgegenkamen, wenn ich was gefragt habe über all das, was ich ich in meiner Neindorfer Schreibstube herausgefunden hatte, und womit ich nicht weiterkam. Das almkeprojekt ist schließlich auch über Almke hinaus bekannt geworden.

C Is ja gut, verzeih, daß ich n Mäkelkopp bin …

E Was hast du denn jetzt persönlich gewonnen bei deiner Arbeit hier?

C Ich habe gemerkt, daß ich bei aller Verwurzelung letztlich doch Outsider geblieben bin und die Erkenntnis, einen wichtigen Abschnitt meines Lebens zu einer Art Abschluß bringen zu wollen. Außenseitererfahrung ist mir in Almke nicht fremd: Als ich vor 25 Jahren aus dem Dorf wegging und mein Bruder unseren Hof übernahm, ging damit ja auch die Idee, unseren Hof auf biologischen Anbau umzustellen und ihn in Form einer Betriebsgemeinschaft in Verbindung mit sozialer Arbeit zu bewirtschaften. Das war damals nicht zu verwirklichen, ich stand da ziemlich allein mit diesem Vorhaben und wurde nicht nur von meiner Familie mit diesem ökologischen Plan sehr in Frage gestellt. Ich war irgendwie der Spinner und habe dann selber auch immer weniger an die Sache geglaubt.

E “Zum Bund war er nicht und ne Freundin hat er auch nicht …”

C Vielleicht hat sogar das eine Rolle gespielt. Anfang der 80er stand auch die konventionelle, mittelständische Landwirtschaft noch viel sicherer da als heute. Ich glaube, daß die Leute mich mochten, ich war verläßlich und gut beim Arbeiten als Bauer und war da im Herkömmlichen akzeptiert – darüberhinaus war aber immer ein Fremdeln da, von meinen Ideen wußte man wenig, in meiner Generation war eigentlich niemand, mit dem es näheren Kontakt gab. Ich war immer gern mit älteren Leuten zusammen, in einer Hochzeitszeitung 1975 war z.B. mal das Folgende über mich zu lesen, da war ich 23:

Krischan geht des abends aus,
man sieht ihn kaum einmal zuhaus-
doch von Januar bis Silvester
nur die ältesten Semester

Sobald euch eure Zähne fehlen
wird er euch zum Freund erwählen,
quetscht euch nach Strich und Faden aus,
und geht erst morgens Früh nachhaus.

Du siehst – das almkeprojekt hat schon viel früher angefangen (lacht), obwohl das damals oft garnicht so lustig war.

E Wenn man solange weg ist und so intensiv wie du woanders gelebt hat – München, Rumänien, Wien, Berlin – dann kann man wohl nicht mehr voll zu diesem Kinderzeitenort dazugehören. Eure Familie ist hier bekannt, sehr stark immer noch durch deinen Vater: das ist doch der Sohn von Wilhelm Bormann …, dann die Sache mit der Penne damals, deine Theaterauftritte auch hier in der Gegend. Nee, nee – du gehörst schon dazu und man bringt dir viel Interesse und Vertrauen in deinen Sachen entgegen. Aber: In gewisser Hinsicht nimmst du aber auch Abschied.

C Ok, ok – ich höre ja schon auf, Prof. Frey …

E Ich staune immer wieder über dein Gedächtnis –

C Das ist eher ein Fluch – ich staune mehr über deinen Fleiß und dein Wissen.

E Für eine Ortschronik braucht man nur deinen Kopf aufzuschlagen, da ist alles drin –

C Kümmere dich lieber um meine schlaflosen Nächte …. Ich wünsche mir, daß unsere Chronik ein offenes Buch bleibt, daß andere daran weiterarbeiten, daß die Akte Almke nicht geschlossen wird, auch wenn 2012 unsere Chronik als Buch erscheinen soll. Ich werde sicher erstmal daran nicht weitermachen, auch wenn ich mir vorstelle, die Interviews und Fotos einmal zur Gänze zu veröffentlichen. Das gleiche gilt auch für das gefilmte Material. Ich kann mir vorstellen, immer mal wieder eine Veranstaltung in Almke anzubieten, die was mit Musik, Theater, Geschichte und Geschichten zu tun hat, gucken wir mal.

E Du schaust dir ja, also auch ich, als Heimatforscher Material an, guckst hier, guckst da, ziehst deine Schlüsse. Aber auf Dinge, die in Papieren und Büchern nicht auftauchen, darauf kommst du nicht unbedingt, wenn du von den Menschen nicht darauf gestoßen wirst. Oder sie deinerseits ansprichst. Und das finde ich das Tolle am almkeprojekt, daß durch die Gespräche und das Zusammentreffen von Zeitzeugen Vermutungen zu Wahrheit werden können: Aha, das ist wirklich so gewesen.

C Erinnerst du dich, daß in meinem ersten Konzept, auch von einem … Haus die Rede war, einem … wie haben wir es doch genannt? … von einem Ort jedenfalls, wo sich alles Zusammengetragene versammeln könnte, das Sichtbare, das Unsichtbare. Wo Geschichten und Erinnerungen an ein Damals genauso Platz haben, wie alles Heutige. Das wäre mir noch ein Anliegen.

E Da wäre dann die Kommune sehr gefragt …

C Glaube ich nicht, in der Hauptsache kommt es auf Ideen und Initiative aus der Gemeinde an, so wie wir ja auch mit unserer Sache einfach angefangen haben. Und dann an entsprechende Stellen gehen damit und um Unterstützung werben. Sicher spielt auch Geld eine Rolle, aber wichtig ist immer erst die Vision von einer Sache. Jetzt nur mal so dahinphantasiert: Die alte Bäckerei z.B. in Almke oder auch die Gebäude der Gastwirschaft, das sind doch wunderbare Orte, die vielleicht auf ne neue Nutzung warten und eine Kombination der verschieden auch sozialen Möglichkeiten: Gasthaus, Wohnung, Raum für Begegnung und Kultur. Die Idee dazu müßte allerdings aus Almke heraus kommen, das hat ja auch Achim Sievers in seinem Interview gesagt. Und wir selber haben doch gute Erfahrungen gemacht mit unserer Idee das almkeprojekt.

(Eberhard Frey, Jahrgang 1939, lebt als pensionierter Oberstudienrat u. Heimatpfleger in der ehemaligen Gastwirtschaft in Neindorf/ Wolfsburg und war wesentlich an das almkeprojekt beteiligt.)


Interview mit Erika Groß (* 1934)


Erika u. Horst Groß

C Erika, du hast vor Jahr und Tag begonnen, Gespräche und Erinnerungen aufzuzeichnen, Fotos zu sammeln und Unterlagen, um eine Dorfchronik zusammenzustellen. Nun bist du seit dem vorigen Jahr krank –

E Ja, ich muß drei Mal in der Woche nach Wolfsburg zur Dialyse. Vorher hatte ich ja schon längere Zeit diese Herzgeschichten und war zur Operation in Berlin. Da habe ich 2 Bypässe bekommen.

C Die Dialyse wird auch erstmal weitergehen?

E Die haben mir gesagt, diese 3 mal pro Woche, die müßte ich in Kauf nehmen. Ich bin jedes Mal 4 Stunden an der Maschine. Es ist unangenehm, aber doch gut, daß es sowas gibt. Wenn es das nicht gäbe, dann wäre es schon vorbei mit mir.
(…)
C Was bist du für ein Jahrgang, Erika?

E 1934. Ich bin in Almke zur Schule gegangen und dann noch in Braunschweig zur Landwirtschaftsschule. Ich wollte gern, das ist mein Berufswunsch gewesen, ich wollte gern Dorfhelferin werden, aber meinem Vater zu widersprechen, das war nicht einfach.

C Du wurdest von zuhause darauf präpariert, Bäuerin zu werden?

E Ja. Ich wäre auch noch ganz gern zur Handelsschule gegangen, das hätte ich noch gern gemacht. Da hat aber mein Vater gesagt, du feuerst jetzt na’n Neien, Handelschaule dat wüllt wi man laten, na’n Neien und na’n Koken, widersprochen haste ja nich damals. Wir haben damals fast 40 Morgen bewirtschaftet. Damit ist man zurecht gekommen und Papa ist im Winter noch ins Holz gegangen …
(…)
Herrmann Dreyer, das war von meinem Vater n Cousin, die haben sich immer sehr gut verstanden und auf Theas Konfirmation, da war ja Krieg, da hat er zu meinem Vater gesagt: Otto, ik kome mal nich wedder, in dän Schlamassel in dän ik stäke, da süht et slecht ut … Köre nich, hat Papa denn gesagt … wenn et aber so kümmet, denn kümmert jüch um Lene und dä Kinder … Und tatsächlich, der ist nicht wiedergekommen und jeden Sonntagabend ist Mutti zu Tante Lene, jahrelang. Der ist in Rußland gefallen.
(…)
In den Jahren, in denen soviele nach Amerika gegangen sind, so um 1900, hat hier nebenan eine Familie Dette gewohnt, die hatten 4 Kinder, die haben alles verkauft und sind nach Amerika gegangen. Und unterwegs auf dem Schiff ist der Mann gestorben und sie sind da denn nicht aufgenommen worden und mußten wieder zurück. Da hat man von Neindorf vom Bahnhof aus angerufen, in Almke war noch keine Haltestelle: Da wäre eine Familie Dette, die müßte abgeholt werden. Nun war das hier schon alles verkauft, das hatte Oma Künne gekauft, Günters Oma, und die Dettes mußten ins Gemeindehaus und mußten von der Gemeinde versorgt werden. Das stand da, wo jetzt das Kühlhaus noch is, der Brunnen ist ja noch da. Detten Mutter, wie sie gesagt haben, hat für die Gemeinde die Gänse gehütet, die Bauern haben ihr denn Essen auf die Weide gebracht. Und die Kinder gingen reihum zu den Bauern zum essen. Detten Mutter soll sich in einem Jahr an Federn n ganzes Bett zusammengesammelt haben.
(…)
Es ist so gewesen … mein Vater war Nazi, hat aber seinen Schwager, der in Königslutter gegen Hitler Flugblätter verteilt hat , bei uns im Hause versteckt, bei Stövesandts unten. Das hatten meine Eltern gepachtet bis sie 1937 unseres hier gekauft haben. Also Muttis jüngsten Bruder Gustav Uhde, der gegen das Hitlerregime war. Dann haben die überall nach dem gesucht, auch bei seinem Bruder in Hillerse und in seinem Elternhaus. Seine Mutter saß aber im Rollstuhl und als sie da Hausdurchsuchung gemacht haben, saß die auf den Flugblättern drauf, da haben sie nicht nachgeguckt. Die sind auch zu uns gekommen, die Polizei, obwohl sie immer gesagt haben: Otto, na jüch koomt dä nich, du bist Nazi. Hatte mein Vater ihn auf dem oberen Zimmer und auch im Heu versteckt. Und denn hat er ihn mal eine Nacht querfeldein nach Königslutter gebracht in sein Elternhaus und hat gesagt: Deine einzige Rettung is, gah jetzt friewillig na dä Wehrmacht. Und das hat der gemacht und war im Afrikakorps bei Rommel, da haben sie ihm ein Bein abgeschossen. Das war ne böse Zeit, der wäre ins KZ gekommen, vielleicht umgebracht und wir hätten auch alle Schwierigkeiten gekriegt. Papa war bei den Parteitagen in Nürnberg, hatte ne braune Uniform, aber er muß aber doch kein richtiger Nazi gewesen sein, sonst hätte er doch Onkel Gustav nicht versteckt. Ob er nun Mein Kampf gelesen hat … ?
(…)
C Wer war in Almke in der Partei ?

E Herr Hoyer, Herrmann Niebuhr, Walter Künne, mein Vater und Gustav Voges.

C Zu deiner Mutter man ja Deutsche Frau gesagt ?

E Ich nehme an, weil sie blond war. Ich weiß noch … Onkel Merk hat gerufen morgens um vier und anne Dachrinne geklopft: Otto Lindemann, opstahn, dä Krieg fängt an. Da war Merk Nachtwächter und Gemeindediener. Unser Vater war der erste, der in den Krieg mußte. Die Nachtwächter haben im Vorraum gesessen zur Schule, da haben die gesessen bis Mitternacht und dann haben sie ihre Runden durchs Dorf gemacht. Ob man richtig verdunkelt hatte, da haben sie mitm Stock ans Fenster geklopft. Die waren eingeteilt immer zu zweit. Das waren Merk, Hoppe, alte Leute, die nicht wegmußten, der alte Wilhelm Meyer auch, der hatte 10 Kinder.

C Wo war dein Vater im Krieg?

E Meistens Rußland bei den Brückenbaupionieren. Die waren immer die Vorhut und im Vormarsch und die Verwundeten mußten zurückgebracht werden. Und da hätte er einmal gedacht: Da kiekste mal hen, und bei den Verwundeten war Heinz Müller dabei, schwer verwundet, Lungensteckschuß. Und dann war er noch in Frankreich und da hätte er Heinrich Krusekopp getroffen und da hätten die in Weinfässer geschossen: Otto, kumm her, dä Gummistebbel hebbe ik all full un dat Kochgeschirr. Gah man hen, da is allet full mit Win, wi sünd hier jeden Dach dune. Mein Vater war von Anfang bis Ende im Kriege. Er war dann noch in Gefangenschaft in Zeilsheim bei Frankfurt am Main. Ist Mutti da zweimal hingefahren und hat Klamotten hingebracht, ich war auch einmal mit. Mein Opa Uhde war doch an der Bahn in Königslutter und hat denn gesagt: Dä Zuch kümmt Klocke teine, ätet orntlich wat, ik bringe jüch hen. Wir sind dann in einen Güterwagen, da lag Stroh drin. Und als wir ungefähr die halbe Strecke hinter uns hatten, da hörten wir Stimmen – das waren Soldaten, die ausgerückt waren. Dann sind wir ausgestiegen, das war ganz furchtbar, die Soldaten mußten ja auch raus und die hatten Schiß vor Amis und vor Gefangenschaft. Wo die abgeblieben sind, das weiß ich nicht. Dann mußten wir über ne Brücke gehen und mußten einen Zug finden, der nach Frankfurt fuhr. Die Züge waren voll. Das habe ich noch in Erinnerung, daß das fürchterlich war. Dann mit einem Güterzug da runter und in Frankfurt dann Tante Minna finden, Minna Weil, sie stammte aus Almke aus der Almker Gastwirtschaft und war in Fechenheim verheiratet. Wir sind in der Nacht angekommen und Tante Minna war noch auf. Ich sehe noch ihren Hof, wie der zerbombt war und zerschossen, auch die Stube und die Küche. Dann haben wir ausfindig gemacht, wo Papa im Lager war und da sind wir dann mehrmals hin. Wir haben ihn aber nur auf dem Lastwagen gesehen, die mußten irgendwo zur Arbeit hin.

C Du hast also deinen Vater im Gefangenenlager besucht.

E Ja. Da war ich 10 Jahre alt.

C Und dann ist er abgehauen.

E Da ist Mutti allein hingefahren. Mutti hatte Klamotten mitgenommen und dann konnte er abhauen von dieser Arbeitsstelle und hat sich zu Weils durchgeschlagen, da blieb er so acht Tage. Und dann sind beide mit dem Zug zurück, die waren ein paar Tage unterwegs. Darüber haben sie nie gesprochen.

C Wie war das, als er nach Hause kam ?

E Für mich wars ein fremder Mann, ich hatte ihn ja lange nicht gesehen. Wir mußten uns erst wieder gewöhnen – der Krieg verändert n Menschen.

C Hat dein Vater über den Krieg erzählt ?

E Er hat darüber erzählt … mit Heinrich Diezel, das will ich noch erzählen: Die waren in Gefangenschaft geraten und Heinrich war im Graben und wollte nicht mehr. Da hat unser Vater denn gesagt, Heinrich, düt möt wi nu noch dorchstahn und hat Heinrich neben sich hingestellt. Und dann haben sie abgezählt und gerade zwischen Papa und Heinrich Diezel war dann der Strich – da ist Heinrich nachhause gekommen und Papa in Gefangenschaft. Heinrich, wenn er dune war, hat immer gesagt: Otto, du hast mik dat Leben erettet.
(…)
E Mein Großvater Lindemann hat mir auch viel von der Sarlingswiese erzählt und das da mal n Dorf gestanden haben soll, Sarling. Da stehen noch so ganz alte Obstbäume und die vielen Erdbeeren. Dann die beiden Brücken und dieser Sitzstein, das sollen Reste sein von diesem Dorf. Und ein Brunnen, der ist nicht mehr da, an den kann ich mich noch erinnern. Die Sarlingswiese gehört dem Grafen und da hatten die Lüttjen denn alle Wiese gepachtet, Christian Lindemann, Hoffmann, Krauskopf, Dreyers. Wir hatten 3 Morgen da und aus dem Brunnen haben wir immer getrunken. Der ist eingetrocknet, als man den Graben aufgemacht hat. Hugo Ebeling war Lehrer in Almke und der hat immer gesagt: Die Sarlingswiese ist die Almker Schweiz. Da haben sich auch die deutschen Soldaten mit ihren Flugzeugen versteckt, die in Mariental gewesen sind aufm Fliegerhorst, die haben sich auf diesem Knüstchenberg da versteckt. Die sind so grade runter auf diese freie Fläche, da sind wir als Kinder manchmal hin und denn waren die Flugzeuge auf einmal weg. Die Soldaten waren da für ne gewisse Zeit, die hatten Angst vor Bomben in Mariental.
(…)
Tante Poley hatte in der Dorfmitte so’ n kleines Dingsbums, Flaschenbierhandel, da sind wir viel hin, zu schön. Und dann hat Adler da ne richtige Gastwirtschaft draus gemacht, Zum Adlerkrug, Anfang der 60er Jahre war das. Ist da mal die Katze ins Spülbecken gesprungen, irgendwas war, und dann ist Hoyer da nicht mehr hingegangen. Bei Adler waren doch denn immer Onkel Aßmann, beide Goes', Reitmeiers, Lehrer Hoyer, Anne Flaig. Aßmanns Frau hat sich das Leben genommen, die ist wohl damit nicht zurecht gekommen, was er gemacht hat, der hat doch nur zu andern Frauen geguckt. Der Sohn war im Krieg geblieben, die Tochter war gestorben. Damals sind in Almke viele an Diphterie gestorben. Bei Adler waren wir viel, ganz toll war es da. Wer da jetzt drin ist? Ich kenne die nicht mehr, sind doch manche im alten Dorf, die man nicht mehr so kennt.
(…)
Meine Lehrhofzeit und meine Schulzeit in Braunschweig – das war die schönste Zeit. Jeden Tag hin und zurück, Braunschweig, Hochstraße 17, wir sind noch über Trümmer gegangen. Und wenn wir am Theater waren, dann haben wir uns erstmal hingesetzt, weil wir so kaputt waren vom Laufen durch die Trümmer. Trostlos. Und dann sollte ich mal ein lebendes Huhn mitbringen, wir sollten ja auch lernen, wie geschlachtet wird. Und Walter Behrens und Ullich fuhren ja auch dahin zur Landwirtschaftsschule und wollten, daß ichs mal fliegen lasse im Zug: Mal her mit dienen Gockel. Andere hatten auch welche mit, wir waren 20 Mädchen, alle aus der Braunschweiger Gegend. Behrens denn auch mal: Wann bringt ji denn mal wedder n Gockel midde, wüllt wi mal obern Puff gahn, denn lat se üsch vorr ummesüss. Oh, das waren Gesellen. Walter Künne sollte da von der Schule fliegen, weil er den Direktor auf der Toilette eingeschlossen hat – da ist der alte Künne aber geflökert, daß Walter dableiben konnte und immer Wost un Schinken na Bronswiek ebrocht. Tja, Christian, 76 bin ich jetzt, damals war ich 18, das geht alles so schnell.
(…)
Das grüne Kleid, auf dem Bild vom Kriegerdenkmal, das habe ich mir mal selber genäht. Und dann: Als ich 1948 konfirmiert wurde, da hatte die alte Oma Lindemann … ihr Brautkleid hatte sie noch hängen, ein schwarzes. Das hat sie tatsächlich hergegeben für mein Konfirmationskleid: Denn möt ji mik in’ Sarg wat anderet antrecken. Das hat mir Lisbeth Salinger aus Neindorf genäht, das waren schlechte Jahre damals.

(Almke, im Mai 2010)


Erika Groß, geb. Lindemann – Das grüne Kleid 1952