Spaziergänge und Tagebücher
atemlos
heute war gestern, 4. 8. 2010 = eigentlich geht das nicht, 56 euro minus auf dem konto + nachmittags um 3 im café sitzen. junge, such dir doch mal was festes, ja mama. letzter tag ferienjob als erzieher.
(darüber später schreiben, über die kids mit namen wie zoe, mannik, wotan, james + talis + wie johann – christoph, 3 jahre alt mir einen kuss gab + sein sikuauto + papa zu mir sagte. rutscht mir auf den schoss, der kleene. die erzieherinnen sind eifersüchtig, klar: einziger mann im haus + n schöner mann dazu. bei sowas tatsächlich an mixa denken, is das nicht irrsinnig? jenny, 40 + aus westberlin, erzählt von ihrer tochter gwendolyn, dass die ihre prüfung gemacht hat zur verwaltungsfachfrau bereich sozialwesen + alle hätten sie mitgezittert + ihr ganz viele sms geschickt + hat gwendo ooch jeschafft, wa. zwar nur mit knapp 3 + ob sie damit nu ne stelle kriegt, ist fraglich. nötigenfalls muss sie in’ osten gehen, in cottbus hat sie n anjebot. wat willste machen. ausserdem erzählt jenny noch von ihrem kalifornienurlaub + wie sie + ihr mann da zu ner unterwasserhochzeit eingeladen waren, diving, allet unter wasser, brautkleid, jäste, pastor, kopfhörer + hochzeitsmarsch, tatatataaa. allet! ürre sar' ick euch. mit schnorchelmasken. und schilder mit YES + NO drauf, allet wasserfest, det kleid nur jeliehen, nachher hattse denn n anderet anjezogen, totschick. viel zu braun gebrannt is jenny, über all das noch extra schreiben)
frühherbstmilde, alter st. matthäus – friedhof grossgörschenstrasse, café + blumenladen, idyllo. viel schwatzhaftes volk vielseits der 40. lesbenladen ? drei frauen:
elisabeth hat nach 14 jahren wieder angefangen zu rauchen: 6 am tag, das geht aber noch, elisabeth. elisabeth is so’ n name, hört sich nach schafwolle an. 3 frauen am marmortisch, ganz von kapuzinerkresse umgeben. schön hier nich? wunderschön. kirsch-streussel, malzkaffee. heike hatte übers wochenende besuch von ihrem ex, der auch bei ihr wohnte. und, wie gings dir damit, der hat doch immer noch ne wahnsinnige ausstrahlung, oder? sex – appeal, oder? schon, aber mich lässt der kalt. nana … – ok. die dritte, altsilber überall + rosenquarz im ohr, lebt mit ihrem hund zusammen, peggy. sie nun erzählt, was peggy isst – nur vegetarisch + heute hat sie bekocht die köterin + thunfisch mochte das tierli nicht. unglaublich sowas.
(im folgenden + zu allen weiteren themen wird elisabeth im regelmässigen abstand sagen: unglaublich! oder: unglaublich sowas. also: thunfisch mochte sie nicht – unglaublich sowas!)
alle die drei frauen haben schwarzgefärbte haare.
die dritte geht jetzt für 2 wochen nach schottland: da zeige ich meine kelims + werde ja auch monika + carla treffen, die sind da an ihrem steinmuschelprojekt. – unglaublich. die hatten doch so ne versuchsreihe “stein auf kupferdraht”, gabs da nicht mal so material- verfärbungen, und die sind dann ihr zeugs nicht losgeworden ? – nun sag aber nicht zeugs, elke, ja … ich find die sachen sehr hübsch. – entschuldigung. wie lange sind die jetzt eigentlich zusammen, carla + monika? das müssen doch über 10 jahre sein? – sowas ja, kupferdraht war das, da erinnere ich mich auch, da hat denn das goetheinstitut nicht mehr gezahlt. – unglaublich, unglaublich sowas. – ich hab jetzt übrigens ne neue seifenblasenmischung, mit kölnisch wasser, seitdem ist das alles noch viel bunter. – unglaublich.
(die dritte heisst also elke: elisabeth, heike, elke. völlig egal,
wer was sagt, steinmuscheln, seifenblasen – mir schwirrt der kopf. elisabeth ist mit einer strassentheatertruppe in wales unterwegs gewesen, jahrmärkte, touris. lange fussnägel, hornhaut, barfuss. schmuddelig alles … ich bin kein frauenfeind, okay?)
also, seifenblasen sind sowas schönes, auf der seepromenade + die fliegen dann aufs meer hinaus + gerlinde (!) erzählt dazu ihre undine + singt + summt + lacht sie – das ist schon ne sehr persönliche geschichte + sie bringt einfach alles mit rein von sich
ogottogott, alle drei kunst & ökobrot + keene büstenhalter. dreckige fussnägel nein danke. n bisschen gepflegt sein kann doch heute jeder, oder? wenigstens in der öffentlichkeit. ja mama.) die bedienung: darfs noch was … ? im augenblick nicht, danke. – sag mal elke, dieser ring, ist der neu? korallenbesatz, den kenne ich noch nicht? – das ist nicht koralle, das sind möhren, fein geschnitten + in plexiglas gegossen. fassung in altsilber, die macht mir immer noch der walter. – is das der mit den videos? einfache mohrrüben? zeig doch mal. unglaublich.
(natürlich ist auch elkes handtasche mit diesem möhrenplexi bestickt, sieht nicht schlecht aus. elkes fussnägel sind sauber + möhrenton lackiert. in silbersandaletten wippt sie mit dem fuss in meine richtung. elke lebt nicht berlin, das sieht man, die anderen beiden, die … die zerfliessen so. auch hat elke hat so’n büschen so’n norddeutschen klang, nich ? horumersiel? pelzerhaken? oldenburg? jetzt geht sie mal aufs klo + bringt einen haufen flyer + prospekte mit.)
let’ s go mädels. das ist ja so süss da drinnen im café, ach ist das süss. und zeigt erstmal ihre schätze, die sie sich mitnimmt:
*poetische führungen* – mit offenen sinnen führen wir über den friedhof + erzählen geschichten vom leben + vom tod. garten der sternenkinder, ruheort für fehl,- + stillgeborene. vegan, die gesündeste ernährung: „die wahren unmenschen sind die, die durch ihre gier nach fleisch, tieren zu einem erbärmliche dasein + andere menschen zu einer verrohenden arbeit zwingen”. wilde kost, der duft,- + tastgarten in papendorf. pflanzen sehen, fühlen, riechen. keramikwerkstatt evelyn klamm – urnen und gefässe. meditations – kissen by ester cohen: das innenkissen ist aus nessel mit biodinkelspelz gefüllt. – unglaublich. – coco lores, ein abend in kassler + hornhaut. o–ton–theater
elke stopft sich nun das viele papier in ihre mohrrübentasche –
was sie wohl in brägenheide oder gassmannshusen mit diesen infos aufstellt? sie gehen. ein flyer bleibt auf dem tisch liegen:
jessica wahl, coach & consultant. schwarzer hosenanzug, tailliert. weisse bluse, rotgeschminkter mund. standbein,- spielbein.
meine angebote
_medientraining = lampenfieber kein problem!
bewerbungstraining = ich will den job!
persönlchkeitstraining = das bin ich!
sprechtraining = mein wort hat gewicht!
glücklichcoaching = ich möchte, dass es mir gut geht!_
kommen sie nach einem langen tag, mit stressigen kollegen, dichtem berufsverkehr, anstrengenden meetings, überfüllten flughäfen + permanentem termindruck zur ruhe. lassen sie sich fallen. aktivieren sie ihre ureigene körperintelligenz. nehmen sie sich zeit, füllen sie ihre speicher wieder auf. seien sie sexy! seien sie charismatisch!
ausrufzeichen wie mg–schüsse, schon beim lesen krieg ich das kotzen: ich weiss nicht, was sie macht, aber sie macht es gut. ulf förster, verkaufsleiter gelbe seiten, berlin.
elke, die frau aus husum oder so, muss doch eine weitschweifend interessierte frau sein, nahm sie doch auch mit: _latex – expo,
das grosse internationale latex–lifestyle–event in hamburg._
mensch elke, wenn se dir mit sowas man nich inne nordsee schmeissen. du kleene drecksau. jetzt sind sie weg. wahrscheinlich bei frida kahlo im gropiusbau. unglaublich. unglaublich sowas.
nebenan geht es auch um einen ex, 2 freundinnen + käsesahne:
ich habe dann zu klaus gesagt, schau mal, das ist vorbei mit uns, du hast mich einfach wahnsinnig verletzt, ich (von unglaublich zu wahnsinnig, redet leise, mesdames, ich muss euch sonst leider totmachen) ich will da jetzt einfach konsequent bleiben. – du musst unbedingt konsequent bleiben. – und das ist ja auch so absurd mit uns: am telefon sind wir ein richtiges liebespaar, wahnsinnig, aber zusammensein ? das geht nicht eine minute gut, ich bin wirklich fertig mit ihm. und da sind ja dann auch noch paul + rieke, die mich bearbeiten. und rainer, wir sind jetzt ein jahr zusammen, ich bin oft einfach nur noch fertig.
(sie weint hemmungslos, was der freundin unangenehm ist, die leute kukken schon, aber man ist ja schliesslich auf nem friedhof, da kann das vorkommen).
is ja gut, liebes … (streicheln, rücken, sozialarbeitergetue).
ich habe ihm jetzt das buch „begegnung mit dem inneren kind“ gegeben, damit er sich seinem mutterthema stellt, ich hab das auch mit meiner therapeutin durchgearbeitet, und … – wenn du mich fragst, eva, ist klaus hundertprozentig schwul, der hat dich einfach nur benutzt und jetzt eiert er immer noch um dich herum – hast du ihn nicht mal darauf angesprochen ? – nee, das mach ich nicht, ich will mit dem nichts mehr zu tun haben. der soll seine bücher holen + dann ist sense. – das wird noch dauern, ehe du wirklich offen bist für rainer. – meinst du ?
(diese 08/15 – scheisse verhakeln sie nun bestimmt noch ne stunde die beiden + die beste freundin fummelt bei ihrem ewigen absurd ist das, einfach absurd entweder an der anderen rücken herum oder an einem grossen türkisstein, den sie eng am halse trägt. ein kraftstein.)
der wollte den schlüssel natürlich nicht hergeben, das musste dir mal reinziehen: ich bin mit Rainer zusammen + mein ex hat noch n wohnungsschlüssel!- wie lange wart ihr zusammen? – über 8 jahre. ich bin ja denn auch dahinter gekommen, dass der irgend ne horrorstory mit seinen eltern hat, krass, medikamente … ich weiss nicht, der alte is ja arzt.
(warum hör ich mir das eigentlich an, hoffe ich, klausens adresse rauszukriegen + ob er tatsächlich schwul ist?)
weisste was? ich finde dein wake up to – ta – l gut! ich muss so oft an meine trennung denken von rochus (!) + wieviel kraft mich das damals gekostet hat, deine fortschritte – (sie umarmen sich, die käsesahne zerfliesst in der sonne). das macht glaubich die arbeit mit vincent + seiner grinbergmethode. neulich hat er so an meiner niere gedrückt + du musst ja denn immer dahin atmen, das hat tierisch weh getan, ich habe so geheult + hab immerzu nur „claudia“ gerufen, meine schwester, wir haben seit jahren keinen kontakt mehr, ich habe so geheult. vincent hat ganz leicht meine fusssohlen gestreichelt + da hat sich wohl irgendwas gelöst.
die kellnerin nimmt die torte mit, die schmeissen sie ja natürlich weg, is doch n verbrechen, die ganze eso – scheisse + keine tiere essen – aber torte wegschmeisen. von einem anderen tisch schnappe ich den satz auf : ich bin zuhause + du machst karriere. notiere alles.
muss zur tangoprobe, zahle, stehe auf, kaffee 1,50. n bischen über den friedhof gehen noch. verfolge ich einen jungen mann mit ohne arsch in der hose? immerzu muss er sie hochziehen die hose, fotografiert da + dort grabsteine von ministerialräten, grossmüttern gefallenen helden + unserem sonnenschein rosemarie, gestorben 1934. fotografiert + kukkt der junge ein berlinbuch, schlendert + zieht wieder die hose hoch. schreibt ein ehrengrab ins büchel: zum gedenken an den 20. juli 1944. an dieser stelle wurden claus schenk graf von stauffenberg, ludwig beck, friedrich olbricht, albrecht mertz v. quirnheim + werner von haeften begraben. dann wurden ihre leichen an einne unbekannten ort verbracht.
was macht nun so ein junge, 16, 17 jahre alt mit lippenpiercing + roten tatoos, auf einem friedhof ? hab ich allerdings auch gemacht, wien zentralfiedhof, nymphenburg, stundenlang. ihn fragen? schon weg.
neben dem grab von herta + willy borrmann liest einer kafka:
brief an den vater. auf dem stein in gold in schwarz : ich habe dich je + je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter güte. dem ausgang zu. im café immer noch die ex mit freundin, sie reden sich den mund fusselig. an mir vorbei der junge, schöne lippen, kein blick, kurz stelle ihn mir nackt vor.
zur probe mit anton nach wilmersdorf. fahrrad. yorckstrasse, bülowstrasse, nutten am nachmittag, wie schwer sie sich tun in der puffhitze mit den hohen lackstiefeln fast bis zum hals + weiter kaum was an. ihre uniform. 17jährige asiatin, unsichere riemchenpumps. ältere russin mit zuviel schminke + über 40 + challo, schöner mann. weiss nicht was ich sagen soll, lächle, schulterzucke vorbei. am mannometer die männerpopos vom gmünderverlag im schaufenster. da die typen, cappucchino, siegessäule, sonnenbrille. warum pfeift mir eigentlich keiner hinterher, das wäre doch mal was – hallo, schöner mann. affe ich. kleiststrasse, tauentzien, wittenbergplatz, kadewe. ein stückchen ku' damm, hugendubel + C & A. rechts die joachimsthaler, links die kantstrasse + immerimmer geradeaus. im mitte meer kuss + gruss + n kaffee bei paula + ihrem kummer … nu spune, te rog. neue kantstrasse, anton in der beletage zur untermiete. der hellblaue teppichboden, immer wieder muss ich seine zitronegelben plüschdinger zurückweisen, ziehe keine puschen an. kaffee in der küche, heiss. läuft anton halbnackt vor mir herum, knackarsch in hellgrauen badehose, er ist 30 + attrattivo mein akkordeonist, genauer gesagt: mein knopfakkordeonist. ihn mal ins mitte meer schicken. fangen wir an: tango – tango – tango – tango
*lauter lügen in florentinischen nächten +
am lago maggiore die frage: warum weinst du, kleine tamara?*
_mit den fieberwangen rot wie blut,
in dem hospital von algier,
auf der heissen weissen matte ruht,
ein kranker bleicher legionär.
streckt die arme aus in fieberglut,
nach dem frauenhaus in algier,
und es klingt ein heisses liebeslied, sterbensmüd, oh …
leila, heute nacht muss ich dich wiedersehn,
leila. deine schlanken, dunkeln glieder sehn.
leila für die eine nacht erwähle mich, küsse mich, quäle mich .
ach ich liebe dich so, leila._
1,2,3,4 – 1,2,3,4. la paloma ade. do swidanie, anton.
21h, schöne warme berliner nacht, witzlebenstrasse, noch bei wolfgang vorbei? nee. ernst – reuter – platz, 17. juni, das charlottenburger tor neu gestaltet, an der laternenallee: hey, warte mal, bleib doch mal stehen. hast du keine lust, dich ein bisschen verwöhnen zu lassen ? ich hab n schönes zimmer. gleich in der nähe. ganz in rot, junge frau. plateausohlen, mieder, brüste hochgeschnürt. was ist denn ? ich bin nicht teuer, nimm ne halbe stunde, mit allem + mit küssen. ich ganz in weiss mit schlafzimmerblick, fühlte mich gut. na? bist du schwul? is doch egal, haste noch nie mit ner frau? willste? probier mal, is schön. gib mir n zwanni + denn zeig ich dir alles. mit küssen. lass mal, ich habe grad so nen tollen mann. hast du eigentlich n freund? flüstert sie: das ist mein geheimnis. tschüss.
17. juni, siegssäule, da hab ich christian mal abgeholt, loveparade 2007, rascheln die schwulen an der löwenbrücke. brandenburger tor, adlon, unter den linden, bebelplatz, gauklerfest am opernpalais. schlossplatz, breite strasse, annenstrasse, engelbecken. wieder christian + unser erstes gespräch. adalbertstrasse, kottbuser damm, ankerklause, rgendwas los, ein bullenauflauf. herrmannplatz, links weserstrasse holperholper, ecke hobrecht das schilling: betreutes trinken ab 18h. tellstrasse. zuhause. fahrrad abschliessen.
im flur ein mädchenhallo mit pizza, neue mieterin:
_ich bin erika –
ich bin christian –
ihr wohnt hier gleich parterre, oder ? is’ nich sehr duster da ?
nö garnich. klemmi + ich, wir wohnen da zusammen. und biene.
was zahlt ihr ?
480.
warm ?
warm so um 550.
geht ja._
ihre wollmütze bis zum kinn … verfilzter hund.
ciao dann, komm biene.
(biene hat grad noch mal an die hortensien gepisst).
dein hund?
ja. du wohnst im dritten + singst, oder?
ja.
ich hab dich gehört, schön.
dank dir.
komm biene.
gut nacht.
gut nacht.
treppe, tür, fenster, regen.
gui? schade.