Interview Lisa Nitschke, geb. Lindemann / * ca. 1925 / November 2010

 

L Wir waren 5 Mädchen hier im Haus, Ilse, Luci, Lisa, Gisela, Anita. Und unser Vater hätte doch so gern einen Jungen gehabt! N lüttjen Christian Lindemann. Als du denn geboren wurdest, das weiß ich noch, da hat er sich gefreut und hat zu eurem Opa gesagt : Endlich noch n Krischan in’ Dörpe. Ach unser Papa … der war ganz unglücklich, ganz unglücklich, daß wir nur Mädchen waren und wir Mädchen haben ja auch wieder alle Mädchen gekriegt, Strumpmijers hat er gesagt … Ich war die erste, die n Kind gekriegt hat, unsere waren aufm Acker, haben Erbsen gepflückt und ich wußte, so ungefähr 23., 24. kann das Kind geboren werden. Habe ich denn gesagt, Papa, nimm dir nix vor… Dat kümmt, wenn dä Appel riepe is hat er gesagt. Dann wars wieder n Mädchen, und die Tür flog nur so zu …

C Denkst du, daß sich die Männer damals vorgesehen haben? Verhütungsmittel ?

L Nä, da hat keiner was gemacht, es gab auch nix. (…)

C Was hast du als Kind für Spielzeug gehabt?

L Tja, was hab ich für Spielzeug gehabt? Ne Puppe von Ilse und Luci und die hat denn Anita gekriegt. Wir haben alle zusammen diese eine Puppe gehabt. War ne schöne Zeit und auch keine schöne Zeit. Wir mußten ja immer zuhause bleiben, die andern haben gespielt … Mama hat immer Angst gehabt aufm Felde oder beim Hüten, das hat die nie abgeschüttelt, da mußten wir denn immer mit. Auch wenn sie die Kühe gemolken hat: Ho Lüttje, ho, nu stah, ho Lüttje kumm, das ging so immer in einer Tour. Die hatte auch Angst vor Kühen. (…)

C Wie hast du Fritz kennengelernt?

L Der kam ausse Gefangenschaft und denn kam er nach Velpke zu Fresdorf, wo ich in Stellung war. Der kam aus Ostpreußen, aus Preußisch – Eylau. Ich hab später mal gesagt, Mäuschen, laß uns doch da mal mitm Bus hinfahren, wo du herkommst, das wollte er nicht. Wir waren auch ne zeitlang in Dortmund, da hat Fritz in ner Gießerei Arbeit gekriegt. 61 sind wir aber wieder zurückgekommen nach Almke ... Oh, das war schwer erst mit unserm Papa, der war doch fürn guten Happen. Kurz vor Weihnachten mal, kommt er die Treppe hoch un seggt: Mäken, dä Schinken mott aber da an Schosstein hängen, da kann ik mik denn mal wat afsnien. Ick segge: Pappe nä, da kümmt kein Schinken hen, da sünd Müse. Seggte: Du hast nist tau seggen. Segge ik: Du hast ook nist tau seggen. Teuf doch, wenn dä Schinken sauwiet is, denn kummt hei inne Spiesekamer, da kannste doch ook ran. Dat wass öhne aber nich passig, weil wir das denn gesehen haben, ne. Ach, der hat zu gerne so rumschnabuliert (lacht). März 61 sind wir wiedergekommen und 62 ist er gestorben.

C Wie war eure Mutter?

L Ach, unser Mama war ne treue Seele, die konnte keinem was tun, von der haste kein böses Wort gehört. (…)

C Wie waren eure Feierabende?

L Strümpfe gestopft, gestrickt, Handarbeiten gemacht.

C Was haben die Männer gemacht?

L Unser Papa hat aufm Sofa gelegen und Pfeife geraucht, Zeitung gelesen un denn is hei ok mal ineslapen.

C Wieviel Acker hattet ihr ?

L 15 Morgen glaube ich, alles gepachtet. Mit Kühen geackert, Papa hat gepflügt un ik moßte dä Käuh immer an’ Kopp faten. (…)

C Hat sich Almke verändert ?

L Almke hat sich dolle verändert, is größer geworden, man sieht keinen mehr aufm Felde und aufe Straße ... Die ackern schnell und schon wieder weg. Früher hatten ja alle was mit Landwirtschaft - da gingen welche und da gingen welche, denn hat man sich mal n bißchen unterhalten, alles vorbei. Vorn bis anne Straße gehe ich manchmal mit mein’ Rollator und gucke, aber weiter geht’s nich, da sind diese großen Pflastersteine umme Kapelle, für alte Leute is das ganz schlecht. (…) Unser Vater starb kurz vorm Schützenfest, der hat noch gesagt: Eben speelt dä Musike boben, ji gaht aber hen, dat duert noch mit mik. Und die Nacht ist er gestorben. Wir sind um 2 nachhause gekommen und um 5 ist er gestorben. Und hat noch gefragt: Het ji feste edanzet? …Ja, Fritz und ich, wir haben uns gut verstanden.

C Wo bist du zu Weihnachten und Heiligabend ?

L Bei den jungen Leuten oben, bei Thorsten, der hängt an mir. Ich fasse ihn denn mal auch um den Bauch und drücke ihn mal. Die haben auch schon n kleinen Jungen. Wenn hei dat noch erlebet härre, dä ole Chrissel …

C Was wünscht du dir noch, Lisa ?

L Was ich mir wünsche ? Tja, was soll ich mir wünschen ? Soll ich mir wünschen, daß ich einigermaßen noch gesund bleibe ? Daß ich mal koppüber sterbe, daß ich da garnicht viel mitkriege ? Ob das Herz das aber macht, das weiß man nich, das macht ja wie es soll, man darf nich über alles so nachzimpulieren … Ging nich grade die Haustür eben? Denn is das unser Inge, die bringt Hühnerfrikassee mit Reis, du kannst ruhig mitessen, is zwölfe.

© 2019 by torsten fengler