Interview Wilhelm und Irmchen Pape, geb. Voges / Sommer 2009

 

 

C Hinter der Tür da war doch euer Schlachterladen, der war doch richtig gekachelt ?

I Nur der Fussboden, die Wände waren gestrichen. Hatte der alte Salinger gemacht aus Neindorf mit ner Schablone, sah wie Fliesen aus. Dann war da der Tresen und der Kühlraum. Waren da so Stangen an den Wänden rundum, Wurst und Speck und Schinken. Jede Woche 1 Schwein geschlachtet und das Rindfleisch haben wir aus Braunschweig geholt vom Schlachthof, sind wir jede Woche mitm Auto hingefahren.

W Das Schlachthaus is 1933 angebaut. Hier war ne Tür, da hatten sie n Eiskeller, da musste im Winter Eis gefahren werden mit Pferd + Wagen.

C Wie war das mit dem Eis fahren ?

W Das wurde hier aus der Mergelkuhle geholt. Das hamse so mit der Axt rausgehackt, Elektrik gabs ja so noch nich. Als Kind bin ich noch mitgefahren mit den Pferden, Onkel Hermann hat die Pferde scharf gemacht, also scharfe Stollen drunter. Auf die Mergelkuhle raufgefahren, so 40 cm das Eis, warn ja strengere Winter als heute. Da haben sie Eis rausgeschlagen, so ne Blöcke, auf Ackerwagen geladen und denn hier reingefahren. Ganz zuerst war ja der Eiskeller aufm Bruch, oben im Bruch, da hatten sie n Eiskeller da und haben sich immer geholt, was sie brauchten - wir, oben die Gastwirtschaft und der Bäcker auch.

C Wie lange habt ihr geschlachtet ?

I Bis '62

(…)

C Wann bist du geboren ?

W 1931.

C Dann hast du ja sowas wie Schwarzschlachten nicht mehr groß mitgekriegt ?

W Wat denkste, bei Diezels inner Hölle, da musste ich das erste Mal alleine schlachten, schwarz.

C Wie lief das ab, Schwarzschlachten ?

W Meist abends oder nachts, wenn reine Bahne war. Der Fleischbeschauer wusste Bescheid, der hatte sein Paket schon, wenn er kam. Waren ja die Flüchtlinge da, die durften nix merken, die wollten ja sonst auch was abhaben ... nä, das war schon Risiko immer, du standest mit einem Bein immer im Gefängnis. Mein Vater wurde 1939 eingezogen und denn kam Walter Künne, der hat immer geschlachtet bei uns. Unser Mutter und ich, wir haben Wurst gemacht, man hat da mitgeholfen. Wenn ich aus der Schule kam, musste ich aufn Acker, Schularbeiten wurden abends gemacht.

C Welche Erinnerungen hast du an das Kriegsende in Almke ?

W Die Amerikaner waren die ersten, hier am Garten kamen sie lang. Wir durften dann da nicht lang, die Panzer hörte man fahren. Man ist nicht rausgegangen erstmal, wusste man ja nicht, was war. Alle Männer waren im Kriege, ausser Gustav Voges, der war Bürgermeister. Denn musste meine Mutter im Kriege auch nach Neindorf zur Flocke hin, so Kriegssachen hergestellt oder Munition fürs Volkswagenwerk, weiss ich nicht, dienstverpflichtet. Mein Vater war in russischer Gefangenschaft, '48 ist er erst wiedergekommen.

C Hattet ihr Verbindung zu ihm ?

W Nee, garnich. Vom Krieg hat er auch nie erzählt, dann war er ...

I Er war mal verschüttet, nich. Wenn wir mal ins Kino gefahren sind die ersten Jahre, dann aber bloss nich inne Mitte sitzen, am Gang, dass er bloß wegkonnte, er hatte immer Angst dann.

W War ja die erste Zeit auch Kino aufm Saal bei Widdecken - immer bloss, dass er gleich rauskonnte. Und dann hier wieder n Anschluss kriegen, man weiss ja auch nicht, was da los war, in Russland, nich, das muss schon grausam gewesen. Sieht man jetzt ja noch manchmal im Fernsehen. Er ist 1939 gleich eingezogen und denn bald 10 Jahre …Nee, vom Kriege, da hat er nie was erzählt.

C Als er zurückkam '48, aus der Gefangenschaft auch nicht ?

W Da war er sehr verschlossen. Wir hatten ja schon Nachricht, dass er kam, aber… die wussten ja auch nicht, was hier zu Hause passiert ist, und ... also vom Kriege, da hat der sich nie wieder richtig erholt, mein Vater.