Interview Eduard Herder * 1964

 

C Eduard, nun erzähl mir dein Leben.

E O Gott ! (lacht) Geboren bin ich im 64ten am 1. Januar in Druschba in Kasachstan. Nach Deutschland bin ich eingereist im 92ten, hab die ersten 6 Jahre in Baden – Baden gearbeitet und bin danach mit der Firma umgezogen nach Wolfsburg. Dann habe ich in Almke ein Haus gebaut und seit 1999 wohnen wir hier, meine Frau, unsere Kinder und ich. Das ist mein Leben. (…) Meine Uroma und Uropa sind Wolgadeutsche von aus der Nähe von Offenburg im Schwarzwald, sind sie an die Wolga vor über hundert Jahr’. Und vor der Krieg hat angefangen, im 37ten, da sind sie von der Wolga aus nach Kasachstan gemußt. Meine Eltern sind an der Wolga und wir sind geboren in Kasachstan.

C Aus deiner Sprache hört man immer noch das Schwäbische heraus ?

E So ist gschproche wore bei uns daheim. Wir sind gewore groß mit der Oma und die Oma hat nur Deitsch gredt, die konnte garkein Russisch und bei uns in Druschba waren 70 % nur Deutsche.

C Druschba heißt glaub ich Freundschaft?

E So ist der ehemals deutsche Name und so ist es auch geblieben bis heute.

C Wie groß war euer Dorf?

E 1200 Familien, ein großes Dorf mit Landwirtschaft: Zuckerrüben, Getreide, Mais, alles so. Dann waren bei uns 5000 Milchkühe und über 10. 000 Schafe wo waren und die Muslime und Aserbeidschaner und Kasachen, die haben Pferde viel gehabt und Kamele. Bei uns haben fast alle in der Landwirtschaft gearbeitet, 90%.

C Gab es Schwierigkeiten unter den verschiedenen Nationalitäten in Druschba ?

E Bei den Jugendlichen ja, oft Streit gehabt, aber nach Schule und Militär war es vorbei damit. In meiner Abteilung waren wir 10 Leute, davon 3 Kasachen, 2 Aserbeidschaner und 5 Deutsche. Aber immer zusammengehalten alle, die haben viel auch Deutsch gesprochen, auch in den Geschäften in Druschba.

C Was hast du gearbeitet?

F Das meiste war ich an den Zuckerrüben, 7 Jahre. Im Winter da auch die Mähmaschinen repariert, die ganze Technik fürs Frühjahr und Sommer, auch die Sämaschinen. Geholfen auch den anderen bei den Kühen, Futter gefahren, Weizen gefahren. Wir hatten 1600 ha Zuckerrüben, da waren wir 10 Männer. Gesät und kultiviert, alles durch uns. Bis 92 ist nicht gespritzt worden, nicht gegen Ungeziefer, nicht gegen Unkraut. Die Frauen haben Rüben gehackt, die Männer waren auf dem Trecker. Selbständig waren wir in Kasachstan nicht mehr, das war alles für die Regierung. An der Wolga, wie ich ghört hab von der Oma, haben sie ihren eigenen Hof gehabt.

C Welche Stadt in eurer Nähe könnte ich kennen?

H Die nächstgrößere Stadt war Dschu, da gingen alle Züge. Alma Ata war 360 km entfernt und Moskau von Druschba 3000, 4000 km weit. Wie die Schwester ist weg, wie die Mutter ist weg, habe ich sie hingebracht. 3 Tage mit dem Zug sind wir gfahre nach Moskau, hast geholfen, die Koffer zu tragen den Frauen.

C Kasachstan ist eure Heimat - was hat euch so nach Deutschland gezogen?

H Zuerst hast du gedenkt: Nein. Aber dann sind alle Deutschen weg und dann hast du gedacht: Schon ok. Meine Schwester ist 90 nach Deutschland - es war so die Angst, man bleibt allein zurück und dann sind die Grenzen vielleicht wieder zu. Das ist alles so schnell gegangen, von 89 bis 93 war unser Druschba leer.

C Wie seid ihr gefahren?

E Mit dem Zug nach Moskau und dann mit dem Flugzeug nach Frankfurt am Main.

C Was habt ihr mitgenommen?

E Ein paar Koffer, Sachen, die erschte. Die Koffer und die 2 Kinder.

C Warst du traurig als du gingst? Man schließt die Tür zu und geht …

E Ja, die erste Zeit traurig, ja. Aber die Tür hast nicht geschlossen zu: Wir konnten noch verkaufen, 5000 Rubel für alles: Stall, Scheune, Garten, Haus – was ist das? Schrank gstande, Sofa gstande, hast alles glassen, Gschirr alles glassn. Das Viehzeug noch geschlachtet oder verkauft, 2 Milchkühe, 2 junge Bullen, 2 Schweine, Hühner, Enten, Gänse. Kartoffeln hatte ich schon gepflanzt, die habe ich ihnen g' lassen.

C Hattet ihr ne Idee, wo ihr hinwolltet?

E Entweder zu Mutter und Bruder nach Ulm oder zur Schwester - so sind wir 6 Jahre nach

Baden – Baden. Durch meinen Chef und die neue Firma dann nach Wolfsburg.

C Und wie seid ihr nach Almke gekommen?

E Wir haben gewohnt in Westhagen und da hab ich mir gesagt, daß dies schon der feste Platz wird sein hier wo du bleibst bis zur Rente – die Arbeit hat mir gefallen, ich bin schon hochgestiegen alles und wenn alles gut geht … Dann gebaut hier in Almke und nach ein paar Jahren … die Firma geschlossen, arbeitslos. Über 10 Jahre wohnen wir jetzt hier, man kennt ein paar Leute rechts und links, vom Spazierengehen, vom Schützenfest – so langsam wird man bekannt. Aber die Leute sind doch anders hier, die sind hier aufgewachsen und kennen sich alle gut, da bist halt doch lange ein Fremder. Ich bin ja schon vorbeigegangen bei Euch, der Kuhstall, das schwarzweiße Fachwerkhaus. Macht euren Hof denn jemand weiter nach deinem Bruder?

C Sieht nicht so aus, wohl nicht.

E Ja, das ist schwere Arbeit, aber ich könnt jetzt wieder gern machen weiter. Mit der Landwirtschaft könnt ich weitermachen. Ist schwer und schön.